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Tagespresse, 02.09.2019, 10:00

Nur im Doppelpack: Wie Feuerwehrmänner den thyssenkrupp-Testturm bezwingen

Wenn im September rund 1000 Läufer beim Towerrun im thyssenkrupp-Testturm in Rottweil an den Start gehen, geht es natürlich auch um die persönliche Bestzeit, um Platzierung, Finisher-Medaille und sicher auch um den 1. Platz. Was wäre eine Meisterschaft im Towerrunning ohne Superlative? Doch für thyssenkrupp-Mitarbeiter Marcel Pieper (28) und seinen Lauf-Freund Patrick Raapke (30) zählen an dem Tag ganz andere Dinge. Sie wollen die Turmtreppen nur als Team bezwingen – Tempo ganz egal. Sie nehmen den Lauf wie ihre Einsätze bei der Freiwilligen Feuerwehr Dortmund. Und da gilt: Keiner geht allein. Jasmin Fischer hat mit ihnen gesprochen.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, beim Towerrun in Rottweil mitzulaufen?

Pieper: Naja, vergangenen August haben wir über die Feuerwehr am Köln-Turm Treppenlauf teilgenommen – 714 Stufen, 39 Etagen. Dann habe ich bei der Arbeit – ich bin Techniker im Kaltwalzwerk bei thyssenkrupp Electrical Steel in Gelsenkirchen - vom thyssenkrupp-Towerrun erfahren. Dieser Herausforderung wollte ich mich sofort stellen. Und so sind wir beide letztes Jahr recht spontan nach Rottweil gekommen.

Laufen oder joggen – wie bereiten Sie sich vor?

Pieper: Immer schlechter als wir es uns anfangs vornehmen, das ist das eine. Das andere: Ich laufe oder jogge nur gelegentlich. Treppenlaufen ist für mich eine Alternative, mit der ich besser klarkomme. Wenn es zeitlich passt, fahre ich mit meinen Kollegen aus dem Löschzug 18 der Freiwilligen Feuerwehr nach Feierabend zum Mathetower der Technischen Universität Dortmund. Dieser ist zehn Etagen hoch, hat „nur“ 242 Stufen und darf netterweise von uns zur Vorbereitung auf den Towerrun genutzt werden. So haben wir die Möglichkeit, mit unserer persönlichen Schutzausrüstung zu trainieren.

Wie sieht das Training mit den Kollegen aus?

Pieper: Wir laufen die Treppen im Matheturm mehrmals, um die 1390 Stufen vom thyssenkrupp-Testturm zu simulieren – und zwar in Uniform und mit Atemschutz. 20 Kilo wiegt das „leichte Gepäck“, im Einsatz, wenn man noch Zusatzausrüstung mitnimmt, trägt man insgesamt locker 30 bis 40 Kilogramm.

Im thyssenkrupp-Testturm gehen Sie mit ihrem Feuerwehrkollegen Patrick Raapke an den Start. Warum?

Pieper: Na, bei der Feuerwehr ist Teamgeist Dreh- und Angelpunkt von allem, was wir tun. Uns geht es nicht um Bestzeiten, sondern darum, gemeinsam anzukommen. Im Einsatz, aber eben auch bei einem Treppenlauf.

Wären Sie alleine denn nicht viel schneller?

Pieper: Vielleicht. Aber vielleicht würde man alleine auch gar nicht ans Ziel kommen! Vergangenes Jahr haben wir uns in Rottweil wirklich richtiggehend zusammen hochgekämpft …

Raapke: … ja, mit gegenseitiger Rücksichtnahme, Anfeuern, Aufmuntern und kurzen Verschnaufpausen sind wir dann irgendwie …

Pieper: … zu zweit oben angekommen. Es wäre undenkbar für uns, den anderen zurückzulassen und alleine weiterzulaufen. Wir würden nie als Team starten und dann getrennt Strecke machen wollen. Dazu sind wir zu sehr von der Feuerwehr-Praxis geprägt: Im Einsatz passt der eine auf den anderen auf und umgedreht. Beim Towerrun sowie bei einem Feuerwehreinsatz gilt: Aufgeben ist keine Alternative, bevor das Ziel nicht erreicht ist!

Raapke: Alleine würde ich am Towerrun gar nicht teilnehmen.

Wie sehr schweißt die Verantwortung für den anderen solche Zweierteams, wie Sie beiden es sind, zusammen?

Pieper: Mehr als ich es aus irgendeinem anderen Lebensbereich kenne. Natürlich müssen Sie bei der Feuerwehr mit jedem im Team gut zusammenarbeiten können – immerhin bewältigen Sie Extremsituationen. Doch niemand kennt Sie so gut wir Ihr direkter Teambuddy. Ihre Leistungsgrenzen, Ihre Stressresistenz und emotionale Belastbarkeit, etwa in besonders schwierigen Einsätzen, all das kennt der andere sehr gut. Das ist wichtig, um einander vertrauen zu können und sich blind und in Sekundenschnelle abzustimmen. Ich würde mit niemanden, dem ich nicht vertraue in einen Einsatz gehen.

Raapke: Gegenseitiges Vertrauen ist wirklich zentral. Wir müssen uns im Einsatz darauf verlassen können, dass der andere auf mich achtet und dass er in brenzligen Lagen für mich übernimmt.

Pieper: Das klingt jetzt alles sehr ernst, deshalb noch ein Nachsatz: Es macht einfach viel mehr Spaß, etwas zusammen zu erreichen als alleine.

Wie oft engagieren Sie sich in Ihrer Freizeit bei der Feuerwehr?

Pieper: Vor 13 Jahren habe ich angefangen, habe gleich bei den ersten Einsätzen gemerkt, dass es die richtige Entscheidung, war in die Feuerwehr einzutreten. Seitdem hat mich das Ehrenamt nicht mehr losgelassen. Alle 14 Tage treffen wir uns von 15 Uhr bis 19 Uhr zum Übungsdienst. Dann kommen die echten Einsätze hinzu. 121 Mal wurde unser Löschzug 18 Oespel/Kley der Freiwilligen Feuerwehr Dortmund vergangenes Jahr alarmiert. Es geht dabei nicht immer nur ums Löschen von Bränden oder um Hilfeleistungen. Wir werden auch als „First Responder“ alarmiert, um den Rettungsdienst zu ergänzen. Für mich ist es einfach ein wirklich schönes Gefühl, helfen zu können.

Mit welchen Gefühlen treten Sie Ihren zweiten Towerrun in Rottweil an?

Raapke: Ich freu mich auf das Glücksgefühl, wenn man oben ankommt …

Pieper: … ja, dieser Moment, wenn man den letzten Treppenabsatz genommen hat und plötzlich das Licht sieht! Da war ich doch extrem froh beim letzten Lauf. Unser Ziel für 2019 ist es, mindestens 1 Sekunde schneller zu sein als letztes Jahr. Wie lange haben wir nochmal gebraucht?

Raapke: 27:50 Minuten haben wir letztes Jahr gebraucht - weit entfernt von einer Spitzenzeit, aber das ist auch nicht unsere Motivation. Direkt nach der Ziellinie war uns klar, dass wir das dieses Jahr nochmal machen müssen. Dass wir gerade den höchsten Treppenlauf Westeuropas absolviert hatten, haben wir erst viel später realisiert.